Umbau und Sanierung eines Gasthofes in Erdweg

Bauherr: Gemeinde Erdweg
BGF: 1.010 m²
BRI: 4.130 m³
Lph HOAI:

1-7, Oberbauleitung

Planungsbeginn: 2011
Fertigstellung: 2014

Das Wirtshaus im Zentrum
Die verkehrsgünstige Lage des Ortes an der bedeutenden mittelalterlichen Handelsstraße zwischen Augsburg und München nahe am Übergang über die Glonn prädestinierte ihn für eine Rast- und Unterkunftsstation für Reisende und Händler. Eine sog. „Tafernwirtschaft“ ist in den Archivalien bereits Mitte des 15. Jahrhunderts erwähnt, und bis heute bildet das historische „Wirtshaus am Erdweg“ an der Hauptstraße neben dem Rathaus und an der Fußwegverbindung zum Bahnhof das Zentrum der Gemeinde Erdweg.

Alte und neue Nutzung
Im Jahr 2000 entschloss sich die Gemeinde Erdweg das Baudenkmal zu erwerben, um nach einer Generalsanierung die ursprüngliche Nutzung als Wirtshaus in erweiterter Form mit verschiedenen Veranstaltungsräumen weiter zu ermöglichen. Auf der Grundlage einer Bedarfsumfrage unter Bürgern, Vereinen, öffentlichen Institutionen und sonstigen interessierten Gruppen wurde das umgesetzte Nutzungskonzept erarbeitet mit dem Ziel, die Funktion des Wirtshauses als gesellschaftlichen Mittelpunkt des Ortes zu erhalten und für die Zukunft zu sichern. Das heutige Erscheinungsbild geht auf eine umfassende Umbau- und Renovierungsphase zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurück. Der stattliche, ortsbildprägende Solitärbaukörper mit zwei Stockwerken und einem hohen Satteldach wurde um 1804 größtenteils neu errichtet. Im Erdgeschoss befand sich die Gaststube (damals noch mit einem vierteiligen Gewölbe mit Stütze in der Mitte des Raumes), ein Nebenraum, die Küche, Schlachtraum und Nebenräume beidseits des markanten Mittelflurs. Im Obergeschoss waren ursprünglich vermutlich Gastzimmer zur Beherbergung von Durchreisenden untergebracht. Die dem Erdgeschoss entsprechende Grundrissstruktur mit Mittelflur und den Zimmern zu beiden Seiten ist jedoch durch einen Umbau in den 1970-er Jahren zugunsten eines großen Tanzsaales verloren gegangen. Das hohe Dach mit einer beeindruckenden spätbarocken Dachkonstruktion diente zu damaliger Zeit Lagerzwecken. Die aufwendige dekorative Farbfassung der Fassaden, die bei der aktuellen Sanierungsmaßnahme wieder entdeckt, gesichert, restauriert und in Teilbereichen ergänzt wurde, stammt ebenfalls aus der Erbauungszeit. Das erarbeitete Nutzungskonzept ermöglicht eine sensible Anpassung der überlieferten Nutzung an moderne Anforderungen. So bleiben die zentralen Räume des Wirtshauses im Erdgeschoss, nämlich die Gaststube, ein Raum für den Seniorentreff und die Küche, an ihrem angestammten Platz erhalten. Die ehemaligen Schlacht- und Lagerräume werden für WC-Anlagen genutzt und in einem fensterlosen Raum, der bereits in alten Beschreibungen als (Eis-) „Keller“ bezeichnet wurde, ist die Kühlung untergebracht.

Im Obergeschoss sind die vorhandenen Räume in Anlehnung an die alte Grundrissstruktur neu organisiert worden, und auch im Bodenbelag ist der ehemalige Mittelflur nun wieder sichtbar. Eine mobile Trennwand ermöglicht die flexible Nutzung kleinerer Einheiten oder eines großen Saals für den Wirt oder externe Nutzer wie z.B. Vereine, Volkshochschule, Mutter-Kind-Gruppe o.ä. Auch der neu ausgebaute Dachraum bietet zusätzlich Platz für bis zu 120 Personen für unterschiedliche Veranstaltungen. Im Außenbereich rundet ein schöner Biergarten auf der Südseite die Nutzung des Gasthauses ab. Auf der Freifläche an der Nordseite des Gebäudes wurden die Parkplätze neu gestaltet und ein kleines Nebengebäude als Lagermöglichkeit für Leergut und Gartenmobiliar wurde errichtet. Erschließung Das Erschließungskonzept reagiert auf die flexiblen Nutzungsmöglichkeiten des Gebäudes und ermöglicht mit zwei Haupteingängen, einem Nebeneingang und zwei Treppen den separaten Zugang zu den unterschiedlichen Bereichen Wirtshaus im Erdgeschoss, Veranstaltungssaal bzw. Gruppenräume im Obergeschoss und Multifunktionsraum im Dachgeschoss, die je nach Bedarf miteinander gekoppelt werden können.

Statik und Haustechnik
Eingriffe in die historische Bausubstanz zum Einbau notwendiger Lüftungsleitungen konnten durch die Verlegung im Boden unter dem Erdgeschoss weitgehend minimiert werden. Größere Eingriffe waren nur für den Einbau des Aufzugsschachtes und in der Decke zwischen Ober- und Dachgeschoss erforderlich, die für die öffentliche Nutzung den Anforderungen entsprechend verstärkt werden musste. Auch die Dachkonstruktion wurde stabilisiert. Die Wärmeversorgung des Gebäudes erfolgt über eine Gas-Brennwert-Heizungsanlage im Rathaus. Die Wärmedämmung der Außenbauteile wurde im Rahmen der Möglichkeiten mit Rücksicht auf den Denkmalschutz optimal verbessert.

Inklusion
Großen Wert wurde bei der Sanierung auf die Inklusion von Mitmenschen mit Behinderung gelegt. Mit dem Aufzug erreichen auch Rollstuhlfahrer alle Nutzungsbereiche, selbstverständlich gibt es ein rollstuhlgerechtes WC. In den Veranstaltungsräumen in den oberen Geschossen ist eine Induktionsanlage zur Übertragung von Audiosignalen an Hörgeräte eingebaut worden und diverse Orientierungsmaßnahmen für Sehbehinderte wurden umgesetzt.
In Zusammenarbeit mit den Denkmalfachbehörden (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Landratsamt Dachau), der Städtebauförderung Bayern und der Interessengemeinschaft „Wirtshaus am Erdweg“ haben Bauherr und Planer mit der Generalsanierung ein optimales Ergebnis erzielt. Mit seinen vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten in dem modernisierten historischen Gebäude wird das ortsbildprägende und identitätsstiftende „Wirtshaus am Erdweg“ den modernen Anforderungen auf stilvolle Weise gerecht.

Auszeichnung
Das Projekt wurde mit der Denkmalschutzmedaillie 2016 ausgezeichnet.